Berkshire Hathaway: Kaufgelegenheit – Yes or No?
Wie ich das als Warren-Buffett-Fan und Berkshire-Hathaway-B-Investorin betrachte

Wie ich das als Warren-Buffett-Fan und Berkshire-Hathaway-B-Investorin betrachte
Kaum ein Unternehmen ist so eng mit einer Person verbunden wie Berkshire Hathaway mit Warren Buffett. Über Jahrzehnte war Berkshire nicht nur eine Aktie, sondern für viele Anleger ein Synonym für Disziplin, Kapitalallokation, Qualitätsdenken und langfristigen Vermögensaufbau. Gerade deshalb wirkt Buffetts Rückzug aus der CEO-Rolle für viele Investoren wie eine Zäsur. Seit der offiziellen Entscheidung, Greg Abel zum 1. Januar 2026 zum CEO zu machen, stellt sich die Frage neu: Ist Berkshire Hathaway jetzt eine Kaufgelegenheit – oder verliert die Aktie ohne Buffett ihren besonderen Reiz?
Ich sehe Berkshire Hathaway weiterhin nicht als Story-Aktie, sondern als unternehmerischen Qualitätswert. Und genau aus dieser Perspektive ist die entscheidende Frage nicht, ob Warren Buffett ersetzbar ist. Das ist er nicht. Die wichtigere Frage lautet: Ist das Unternehmen, das er aufgebaut hat, auch ohne ihn an der operativen Spitze stark genug, um für Aktionäre langfristig attraktiv zu bleiben? Aus meiner Sicht lautet die Antwort: tendenziell ja – aber nicht blind, nicht emotional und nicht um jeden Preis.

Berkshire Hathaway ist heute viel mehr als nur Warren Buffett. Der Konzern umfasst ein riesiges Versicherungsgeschäft, BNSF als Eisenbahnunternehmen, Berkshire Hathaway Energy, zahlreiche Industrie-, Konsum- und Dienstleistungsbeteiligungen sowie ein großes Aktienportfolio. In seinem ersten Aktionärsbrief als CEO beschreibt Greg Abel Berkshire ausdrücklich als bewusst aufgebautes Konglomerat, dessen Kern in der rationalen Kapitalallokation liegt und dessen kulturelle Grundsätze auf Dauer angelegt sind. Ende 2025 beschäftigten die operativen Tochtergesellschaften rund 387.800 Mitarbeiter weltweit.
Gerade diese Struktur ist für mich einer der stärksten Punkte in der Investmentthese. Berkshire ist kein Konzern, der nur deshalb funktioniert, weil ein charismatischer CEO jeden Tag alles zentral steuert. Im Gegenteil: Die dezentrale Struktur gehört seit Jahren zur Berkshire-DNA. Die einzelnen Unternehmen arbeiten eigenverantwortlich, während das Topmanagement vor allem bei Kapitalallokation, Kultur und disziplinierter Steuerung den Rahmen setzt. Genau das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Berkshire auch ohne Buffett als CEO operativ stabil bleibt.
Das Herzstück bleibt die Versicherung. Greg Abel schreibt in seinem 2025er Brief, dass der Versicherungfloat Ende 2025 bei 176 Milliarden US-Dollar lag, nach 171 Milliarden US-Dollar ein Jahr zuvor. Dieser Float ist für Berkshire so wertvoll, weil er Kapital bereitstellt, das investiert werden kann, solange das Underwriting diszipliniert bleibt. 2025 erzielte Berkshire eine Combined Ratio von 87,1 Prozent im Schaden- und Unfallgeschäft, was im historischen Vergleich ein sehr starkes Ergebnis ist. GEICO allein erwirtschaftete 2025 einen Vorsteuer-Gewinn aus dem Underwriting von 6,824 Milliarden US-Dollar.
Hinzu kommt die enorme Finanzkraft. Laut Berkshire-Jahresbericht lagen Cash, Cash Equivalents und US-Treasury-Bills Ende 2025 bei rund 212,7 Milliarden US-Dollar. Das ist eine gewaltige Liquiditätsreserve, selbst wenn sie deutlich unter den teils zitierten Bruttozahlen liegt, die oft Vermögenswerte anderer Segmente oder Bilanzsummen vermischen. Gleichzeitig erwirtschaftete Berkshire 2025 operative Gewinne von 44,5 Milliarden US-Dollar und operative Cashflows von rund 46 Milliarden US-Dollar. Diese Zahlen zeigen für mich sehr klar: Berkshire ist kein leeres Buffett-Denkmal, sondern eine Maschine für Cashflows und Kapitalstärke.

Auf der anderen Seite muss man sauber bleiben: Berkshire ist nicht automatisch billig, nur weil Unsicherheit im Markt ist. Morningstar stufte die B-Aktie im März 2026 als fair bewertet ein und nannte einen fairen Wert von 510 US-Dollar je B-Aktie. Der zuletzt über das Finanztool verfügbare Kurs lag bei 477,35 US-Dollar am 2. April 2026. Das spricht eher für eine moderate Unterbewertung beziehungsweise für kein extremes Schnäppchen. Wer Berkshire kauft, kauft also heute eher Qualität zu einem vernünftigen Preis – nicht zwingend eine offensichtliche Tiefpreis-Sondersituation.
Genau hier kommt die oft diskutierte „Buffett-Prämie“ ins Spiel. Viele Anleger haben Berkshire nicht nur wegen der Unternehmenssubstanz gehalten, sondern auch wegen des Vertrauens in Buffett persönlich. Dass der Markt nach der Nachfolgeregelung zunächst nervöser wurde, ist deshalb logisch. Reuters berichtete im März 2026, dass Berkshire-Aktien nach Ergebnissen und CEO-Brief unter Druck standen und dass die Papiere bereits im Mai 2025 nach Buffetts überraschender Übergabeankündigung deutlich gefallen waren. Kurzfristig kann der Markt also sehr wohl Symbolik und Sentiment stärker gewichten als operative Qualität.
Für mich liegt genau darin aber auch die Chance. Wenn ein außergewöhnlich solides Unternehmen wegen Unsicherheit um eine Führungsfigur schwächer bewertet wird, obwohl Geschäftsmodell, Bilanzstärke und Unternehmenskultur intakt bleiben, dann werde ich aufmerksam. Berkshire ist heute nicht mehr der Renditeturbo früherer Jahrzehnte. Buffett selbst hat wiederholt eingeräumt, dass die enorme Größe des Konzerns die Wahrscheinlichkeit spektakulärer Überrenditen reduziert. Aber Berkshire ist für mich nach wie vor ein hochwertiger, defensiver Qualitätswert mit Substanz.
Ein weiterer Punkt ist die Kapitalallokation nach Buffett. Berkshire kaufte 2025 keine eigenen Aktien zurück; im Aktionärsbrief bekräftigte Abel aber, dass Rückkäufe weiter ein wichtiges Instrument bleiben, sofern die Aktie unter dem konservativ geschätzten inneren Wert notiert. Reuters berichtete Anfang März 2026 zudem, dass Berkshire die Rückkäufe nach fast zwei Jahren Pause wieder aufgenommen hat. Das werte ich als Signal, dass das Management nicht dogmatisch, sondern opportunistisch agiert – ganz im Sinne der alten Berkshire-Schule.
Natürlich gibt es Risiken. Berkshires Größe bremst das Wachstumspotenzial. Das Versicherungsgeschäft bleibt anfällig für Großschäden und Katastrophenjahre. Das Energiegeschäft ist regulatorischen und politischen Unsicherheiten ausgesetzt. Außerdem bleibt offen, ob Greg Abel an der Börse jemals dieselbe Vertrauensprämie genießen wird wie Buffett. Selbst Reuters betonte, dass Abel zwar den richtigen Ton getroffen habe, aber vor der schwierigen Aufgabe steht, Aktionäre in der Post-Buffett-Welt zu beruhigen.
Trotzdem bleibt mein Blick als Investorin klar: Ich würde Berkshire Hathaway heute nicht kaufen, weil ich nostalgisch an Warren Buffett hänge. Ich würde Berkshire kaufen, wenn ich überzeugt bin, dass das Unternehmen auch nach ihm noch überdurchschnittlich solide geführt wird, große Cashflows generiert, rational mit Kapital umgeht und in schwächeren Marktphasen robuster bleibt als viele andere Aktien. Genau das sehe ich im Kern weiterhin.
Mein Fazit: Kaufgelegenheit – Yes or No?

Meine Antwort lautet: eher Yes. Nicht, weil Berkshire ohne Buffett plötzlich unterschätzt sein muss. Sondern weil viele Anleger möglicherweise noch zu stark auf die Person schauen und zu wenig auf das System, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Berkshire Hathaway ist ohne Buffett als CEO nicht wertlos, nicht orientierungslos und auch kein gebrochener Mythos. Es ist weiterhin eines der stärksten Kapitalallokationsvehikel der Welt – nur eben in einer neuen Phase.
Wer schnelle Kursraketen sucht, wird woanders fündig werden wollen. Wer aber Substanz, Bilanzstärke, robuste Ertragsquellen, konservative Führung und langfristiges Denken schätzt, für den kann Berkshire Hathaway auch heute noch ein sehr interessanter Depotbaustein sein. Als Warren-Buffett-Fan und Berkshire-B-Investorin sehe ich die Aktie deshalb nicht als Selbstläufer, aber sehr wohl als ernstzunehmende Kaufkandidatin für langfristig orientierte Investoren.

Hinweis
Dieser Beitrag dient ausschließlich der Finanzbildung und stellt keine Anlageberatung dar. Jede Investitionsentscheidung erfolgt eigenverantwortlich und sollte – insbesondere unter steuerlichen Gesichtspunkten – individuell geprüft werden.


