Noch ein Kurs. Noch ein Artikel. Noch ein Podcast.
Frauen wägen ab, hinterfragen, wollen wirklich verstehen, bevor sie handeln. Denn während sie noch recherchiert, arbeitet sein Geld bereits.

Noch ein Kurs. Noch ein Artikel. Noch ein Podcast. Wissen ist gut. Anfangen ist besser.
Gastbeitrag von Jessica Wiegel
Er tippt kurz auf sein Handy. „Ich hab noch schnell was gekauft." ETFs, Aktien, irgendwas. Kein großes Drama, kein Vorbereitungsseminar, kein zweiter Gedanke.
Du schaust ihn an und denkst: Jetzt hat er schon wieder einfach was gekauft – ohne mich. Aber ich will mich erst noch richtig einlesen. Vielleicht noch den Kurs zu Ende machen. Oder den anderen anfangen. Und was ist, wenn ich investiere und Geld verliere?
Und so ist schon wieder ein Jahr um!
Das Paradox der klugen Frau
Frauen sind gründlicher. Sie wägen ab, hinterfragen, wollen wirklich verstehen, bevor sie handeln. Im Beruf, in der Erziehung, im Leben bringt sie genau das weiter. Beim Investieren wird daraus manchmal die teuerste Tugend der Welt.
Denn während sie noch recherchiert, arbeitet sein Geld bereits.
Und das Perfide daran: Er erzählt dir nur von den Gewinnen. Die Verluste? Die bleiben unter dem Tisch. Was bleibt, ist das Bild eines Mannes, der genau zu wissen scheint, was er tut — und das Gefühl, selbst noch nicht so weit zu sein. Manchmal sogar die Angst den Anschluss zu verpassen.
Lass mich das klarstellen: Männer sind keine besseren Investoren. Sie sind einfach früher gestartet.
Was mir meine Kinder beigebracht haben

Ich habe zwei Kinder. Beide haben Fahrradfahren gelernt — auf völlig unterschiedliche Arten.
Mein Sohn? Aufgesessen, losgefahren, hingefallen, wieder aufgestanden. Keine Fragen, kein Plan, kein Zögern. Irgendwann hat es geklappt.
Meine Tochter? Die hat beobachtet. Ein Stück fahren, spüren was noch nicht geht, aufhören. Und dann weitergemacht, wenn sie sich bereit fühlte. Auch sie kann heute Fahrrad fahren — auf ihre Weise.
Beide Wege haben funktioniert. Der einzige Weg, der nicht funktioniert hätte: das Fahrrad nie anzufassen.
Mit Investieren ist es genauso. Es gibt kein Richtig oder Falsch beim Einstieg — nur ein Zu-Spät.
Wann ist Frau eigentlich bereit?
Das ist die Frage, die ich meinen Klientinnen stelle, wenn sie sagen: „Ich kenne mich noch nicht gut genug aus."
Ab wann genau wärst du bereit? Nach dem nächsten Kurs? Nach dem übernächsten? Wenn du alles über ETFs, Aktien, Fonds, Edelmetalle und Rentenversicherungen weißt?
Die Antwort, die niemand gerne hört: Diesen Moment gibt es nicht. Auch erfahrene Anlegerinnen wissen nicht alles. Der Unterschied ist nur, dass sie trotzdem — oder genau deshalb — angefangen haben.
Zeit ist beim Investieren keine neutrale Größe. Jedes Jahr, das man wartet, ist ein Jahr weniger Zinseszins. Ein Jahr, das sich nicht mehr aufholen lässt.
Risikobereitschaft ist keine Charakterfrage

Hier kommt das Wichtigste: Du musst nicht so investieren wie er. Du musst nicht so investieren wie deine Freundin, deine Schwester oder die Frau im Podcast.
Risikobereitschaft ist individuell — wie Schuhgröße. Keine ist besser oder schlechter. Sie ist einfach deine.
Und genau deshalb gibt es nicht die eine richtige Anlagestrategie. Es gibt ETFs für alle, die breit streuen wollen. Es gibt konservativere Fonds für alle, die lieber ruhig schlafen. Es gibt betriebliche Altersvorsorge, Edelmetalle, Rentenversicherungen uvm. — eine Bandbreite, aus der für jede Persönlichkeit etwas dabei ist.
Was du wirklich kennen musst, bevor du anfängst, ist nicht der Markt. Es bist du. Was passt zu meinem Leben? Was hält mich ruhig, wenn die Kurse schwanken? Was will ich in zehn Jahren haben?
Das sind die Fragen, die zählen. Und die kannst du nicht aus einem Kurs lernen — die lernst du, indem du nach innen gehst – und dann startest.
Die Erlaubnis, die du dir selbst gibst
Niemand wird kommen und sagen: „Jetzt bist du bereit." Diese Erlaubnis kannst du nur dir selbst geben.
Und du darfst dabei Fehler machen. Kleine Fehler früh sind günstiger als großes Zögern über Jahre. Aus einem Fehlgriff bei 500 Euro lernt man mehr als aus zehn Webinaren — und man hat noch genug Zeit, daraus zu wachsen.
Dein Partner hat das nicht reflektierter gemacht. Er hat es einfach früher gemacht.
Du kannst das auch. Nicht nach dem nächsten Kurs.
Jetzt.
Jessica Wiegel ist Finanzberaterin in Düsseldorf und spezialisiert auf selbstständige Frauen und Unternehmerinnen. Sie begleitet ihre Klientinnen dabei, die Finanzstrategie zu finden, die wirklich zu ihnen passt — nicht die, die gerade im Trend ist.

Email: jessica.wiegel@dvag.de
Tel: 015568 266035
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